Reisebericht Denali (Mount McKinley) 6.194m . Alaska

13. Mai – 8. Juni 2014

GÄNSEHAUT, NON STOPP…
…waren es nicht die tiefen Temperaturen von bis zu -30°C, so wurde sie von der gigantischen, endlos weiten Bergwelt am höchsten Berg Nordamerikas, dem 6.194 Meter hohen Mount McKinley oder Denali, wie er in der Sprache der Ureinwohner Alaskas heißt, verursacht.
Denali „Der Große“ machte schon bei unserer Anfahrt von Anchorage nach Talkeetna seinem Namen alle Ehre. Helmut, Hans, Fritz und ich staunten nicht schlecht, als wir unser Ziel für die nächsten Wochen das erste Mal zu sehen bekamen. Über 5.500 Meter erhebt sich der gewaltige Bergstock über der Ebene. Es gibt nicht viele Berge auf der Welt, die so prominent dastehen.
In Talkeetna, einem 900 Einwohner zählenden Bergsteiger- und Touristenort, erledigten wir die letzten Vorbereitungsarbeiten für die Besteigung des „Kältesten Berges der Welt“. Wir sortierten die Lebensmittel für 18-20 Tage, die wir bereits in Anchorage gekauft hatten, bekamen ein „Ranger-Briefing“ bei der Nationalparkverwaltung, organisierten den Flug ins Basislager für den nächsten Tag, packten unser Gepäck (ca. 50kg pro Person) und genossen, last but not least, Steaks, Burger und Bier im Denali Brewpub.
Am Mittwoch, den 14. Mai war es dann soweit. Das Wetter war gut, der Flieger konnte starten. Nachdem wir unser Gepäck genauestens gewogen und in der „Otter“ unserem Buschflugzeug, ausgerüstet mit Schi für die Gletscherlandung, verladen hatten, bekamen wir noch eine kurze und recht lockere Sicherheitsunterweisung durch unseren Piloten Jeff. Der fast 1-stündige Flug über die von unzähligen Seen durchzogene Tundra, vorbei an mächtigen Granitbergen und über unendlich lange Gletscher war ein Erlebnis für sich. Die Landung auf einem Seitenarm des Kahiltna Gletschers im so genannten Basecamp verlief sehr sanft, ich hätte fast nicht gemerkt, dass wir schon gelandet waren.
Es war noch früh am Tag und dunkel wird es hier um diese Jahreszeit sowieso nicht mehr, deshalb beschlossen wir unsere Pulkas (Schlitten) zu beladen und noch ins Camp 1 aufzubrechen. Zuerst eine kurze Abfahrt über den so genannten „Heartbreak Hill“ und dann durften wir erste Bekanntschaft mit den endlosen Weiten des Kahiltna Gletschers (den mit 71km längsten Gletscher der Alaska Range) machen. Am nächsten Tag starteten wir vom Lager 1 zuerst über den „Ski Hill“, einem etwas steileren Abschnitt, der aus der Ferne nicht weit ausschaut. Regel Nummer 1 am Kahiltna Gletscher: „Du sollst dich nicht täuschen!“. Mit den schweren Rucksäcken und Schlitten zog sich der Ski Hill gewaltig. Nach circa 5 Stunden Gehzeit erreichten wir Camp 2. Dieses Lager liegt knapp unterhalb des Kahiltna Passes und bietet wenig bis gar keinen natürlichen Schutz vor Wind. Da es bereits recht windig war und für den nächsten Tag kein gutes Wetter vorhergesagt wurde, entschlossen wir uns noch ins Camp 3 auf 3.322 Meter aufzusteigen und dafür am nächsten Tag einen Ruhetag einzulegen. Wir teilten einen großen Teil der Lebensmittel in Tagesrationen auf. Für den nächsten Tag, sollte das Wetter passen, planten wir Lebensmittel für ca. 10 bis 12 Tage und Brennstoff (White Gas) ins Camp 4, dem so genannten Medical Camp, auf 4.328 Meter zu tragen.
Den Wetterbericht, der täglich um 20:00 Uhr per Funk durchgegeben wird, konnten wir nur schlecht bis gar nicht verstehen. Die Funkverbindung im Camp 3 ist sehr schlecht. So blieb uns nicht viel übrig als einfach in der Früh aus dem Zelt zu schauen und zu entscheiden. Der Blick aus dem Zelt stimmte uns positiv, es schien ein prächtiger Tag zu werden. Wir blieben aber noch im Schlafsack bis die Sonne das Zelt erreichte, es war noch bitterkalt, aber dann wurde es schnell wärmer. Man kann auch wirklich auf die Sonne warten, es gibt keine Notwendigkeit extrem früh aufzubrechen, da es ohnehin 24 Stunden am Tag hell ist. Wir trugen den ersten Teil unseres Materials ins Lager 4 und stiegen nach kurzer Rast wieder ins Lager 3 ab. Die Schi blieben ab heute im Lager 3, da wir bereits am Motorcycle Hill, gleich nach Camp 3, die ersten Blankeisstellen sahen. Alaska erlebte heuer auch einen sehr milden Winter mit wenig Schnee.
Minus 17°C im Zelt, es rieselte vom Innenzelt, wenn man sich bewegte, immer wieder fein. Der Wind spielte heute alle Stücke, war böig, drehte ständig und blies aus allen Richtungen. Wir verbesserten noch einmal die, an diesem Berg obligatorischen, Wände aus Schneeziegeln, die in jedem Lager errichtet werden müssen, um den Wind abzuhalten. Ansonsten zwang uns das Wetter zu einem Ruhetag. In der Nacht waren wir froh, ordentliche Schneewände zu haben, so schliefen wir auch trotz heftigem Sturm sehr gut.
20. Mai. Der Wind hatte sich gelegt. Strahlend blauer Himmel, ein wahrer Traumtag. Wir bauten das Lager ab, vergruben die Schi, 2 Schlitten und Lebensmittel für 3-4 Tage im Camp 3 und machten uns mit schwer bepackten Rucksäcken und 2 Schlitten auf in Richtung Camp 4. Wir versuchten die Schlitten möglichst leicht zu halten, die Steigungen am Motorcycle Hill und Squirell Hill waren auch so noch anstrengend genug. Hans und ich wechselten uns beim Ziehen eines der Schlitten ab. Fritz und Helmut machten dasselbe bzw. versuchten sie es…
Kurz nach dem Squirell Hill passierte ihnen nämlich ein katastrophaler Fehler. Beim Wechseln ließen sie den Schlitten ohne Sicherung stehen und dieser machte sich selbständig und verschwand, einer Rakete gleich, unwiederbringlich im Abgrund. Mein erster Gedanke war: „So, jetzt ist die Expedition gelaufen…!“, im Schlitten befanden sich unter anderem ein Zelt und ein Benzinkocher, 2 lebenswichtige Ausrüstungsgegenstände in dieser Höhe. Ohne Benzinkocher ist es unmöglich die notwendige Menge Schnee zu schmelzen, um Wasser zum Kochen und Trinken zu bekommen und ohne Zelt an diesem Berg, kein Kommentar. Nachdem ich mir die möglichen Szenarien durchgedacht hatte, entschieden wir uns aber weiter ins Lager 4 aufzusteigen, dort notfalls eine Nacht zu viert im Zelt zu verbringen, um am nächsten Tag ein Iglu zu errichten. Wir hatten ja auch noch den 2. Benzinkocher und notfalls die für den Gipfelgang vorgesehenen leichten Gaskocher. Wir setzten also den heute sehr anstrengenden, da heißen (ja, es kann auch warm sein, und wie…am kältesten Berg der Erde) Aufstieg ins Lager 4 fort. Dort hatten wir Glück, denn wir bekamen von einer anderen Expedition leihweise ein Biwakzelt für eine Nacht.
Iglubauen auf über 4.300 Metern, Schneeziegel aussägen, ausstechen, transportieren und aufmauern, keine leichte Arbeit. Nach 6-7 Stunden war es dann aber soweit. Maurer“meister“ Tom konnte den Schlussstein einsetzen.
22. Mai Akklimatisationstag. Wir konnten heute an den Fixseilen der so genannten „Headwall“ bis auf den West Buttress aufsteigen. Die gesamte Headwall wies Blankeis auf, war aber Dank der dort angebrachten Fixseile perfekt abzusichern. Dieser Aufstieg der hauptsächlich der Höhenanpassung diente, zeigte uns, dass wir schon ganz gut angepasst waren. Die Anstrengungen und Aufregungen der letzten Tage machten sich aber auch schon bemerkbar, für den nächsten Tag war ein richtiger Ruhetag (viel essen, viel trinken und sonst möglichst nichts tun) notwendig. Wir konnten von unseren Bayrisch/Österreichischen Kollegen, die wir hier kennengelernt hatten, dann auch noch ein, für uns für einen möglichen Gipfelgang so notwendiges, Zelt ausleihen. Wir waren also wieder auf Kurs…
… Glaubten wir jedenfalls. Ein ausführlicher Wettercheck am Ruhetag verhieß nichts Gutes für die nächsten Tage. Noch ein schöner Tag und dann Schneefall und viel Wind, solange die Vorschau reichte. Jetzt war also der Fall eingetreten, dass uns genau der Tag, den wir für den notwendigen Biwakbau gebraucht hatten, für eine Nacht im Hochlager auf 5.240 Meter fehlte. Wir entschieden uns einen ersten Gipfelversuch vom Lager 4 (Medical Camp) aus zu starten. Danach würden wir dem Wetterbericht nach wieder genug Zeit bekommen, um uns zu erholen und, sollte es nicht klappen, einen erneuten Versuch zu starten.
Am 24. Mai starteten wir um 7:30 den, in dieser Höhe mit ca. 2.000 Höhenmeter sehr langen, Aufstieg mit möglichst leichtem Gepäck. Schon um ca. 10:30 Uhr erreichten wir den Ausstieg der Fixseile an der Headwall. Es folgte der wahrscheinlich schönste Abschnitt der Besteigung des Denali über den „Normalweg“, die abwechslungs- und aussichtsreiche Gratkletterei über den West Buttress. Gegen Mittag erreichten wir das Hochlager auf 5.240 Metern. Hier gönnten wir uns die einzige längere Rast an diesem Tag und schmolzen noch einmal Schnee für unsere Trinkflaschen. Hans entschied sich hier umzudrehen, für ihn war der gesamte Anstieg zu lange, schade, aber sicher die richtige Entscheidung. Ich ging also mit Fritz und Helmut weiter in Richtung Denali Pass. Die Traverse sicherten wir am „Laufenden Seil“. Am Pass zeiget uns der Berg jetzt seine Zähne. Der Wind hatte ganz schön zugelegt. Wir schlüpften gerne in unsere Daunenjacken, die Expeditionsfäustlinge und Sturmhauben. Der lange Anstieg führte vorbei am Archdeacons Tower zum so genannten „Football Field“. Hier begann sich der Anstieg dann so richtig zu „ziehen“. Nicht umsonst sind die letzten Höhenmeter auf den langen Gipfelgrat auch unter dem Namen „Pig Hill“ bekannt. Das Wetter verschlechterte sich jetzt schön langsam. Am Grat beim Kahiltna Horn stürmte es bereits stark. Noch schnell über den Grat zum Gipfel, bevor der Wind zu stark wurde.
Um ca. 20:00 Uhr standen wir am höchsten Punkt Nordamerikas, dem 6.194 Meter hohen Mount McKinley (Denali). Die Freude über das erreichte Ziel währte nur kurz bzw. konnten wir erst später aufkommen lassen. Schnell 2 Gipfelfotos schießen, die Vermessungsplakette, die den höchsten Punkt markiert, berühren und dann nichts wie weg hier, war die Devise. Nach dem Football Field begann starker Wind, dann begann es auch noch zu schneien und die Sicht wurde immer schlechter. Am Denalipass wurde es richtig schlimm. Im Schneesturm vereisten ständig unsere Brillen und es machten sich auch leichte Erfrierungen im Gesicht bemerkbar. Um ca. 3:00 Uhr Früh erreichten wir, nachdem sich der Abstieg durch die schlechten Verhältnisse sehr in die Länge gezogen hatte, das Hochlager. Fritz und Helmut waren zu fertig, um noch sicher ins Camp 4 absteigen zu können. Wir entschlossen uns daher in einem provisorischen Notzelt 3-4 Stunden zu Rasten/Schlafen. Danach konnte ich die beiden in einer langwierigen Aktion, von Fixpunkt zu Fixpunkt gesichert, sicher ins Lager 4 bringen, das wir fast 30 Stunden nach unserem Aufbruch zum Gipfel erreichten.
Die folgende Nacht haben wir ganz gut geschlafen.
Leider verhinderte das schlechte Wetter mit 55 mph Wind und Schnee einen weiteren Gipfelgang mit Hans. Der Schneefall hielt uns dann sogar noch 5 Nächte im Basislager gefangen, wo wir auf Wetterbesserung warten mussten, bis wir wieder ausfliegen konnten.
Die folgende heiße Dusche und das erste Steak waren ganz gut.
Bis zu unserem Heimflug von Anchorage über Frankfurt und Linz bzw. München blieben uns aber noch ein paar Tage, um Alaska abseits des „Großen“ kennenzulernen. Unberührte Landschaften im Denali Nationalpark mit Grizzlys, Elchen, Caribous,… standen ebenso auf dem Programm wie Fischen an einem der Flüsse rund um Talkeetna bis hin zu einem Besuch von Seward, wo wir im Kenai Fjords National Park Buckelwaale, Orkas, Seelöwen… beobachten konnten.
Schön langsam machte sich auch immer mehr die Freude über das erreichte Ziel, auf einem der für mich beeindruckendsten Berge gestanden zu haben, breit.

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